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sunnudagur, 11. apríl 2004


Zur Ausstellung "Namibia-Deutschland"
, die seit einigen Wochen in Köln zu sehen ist: eine Besprechung von tlr.

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Im letzten Abschnitt der Korrespondenz werden Bemerkungen eines Ausstellungsbesuchers referiert. Ich habe nun eine saudumme Frage, auf die ich eigentlich keine Antwort erwarten darf: Gab es diesen Besucher wirklich, oder hast Du seine Bemerkungen 'erfunden'? Warum frage ich? Wenn es den Ausstelllungsbesucher gab, dann gehörte er -- wenigstens bei Deinem Besuch -- gewissermaßen zur Ausstellung. Er ergänzt das von den Ausstellungsmachern zur Schau gestellte Material um seine Kommentare; die Beschreibung seines Auftritts ist damit hinreichend begründet. Wenn es den Ausstellungsbesucher nicht gab, dann vermute ich, dass Du ihn als Stellvertreter einführst. Er leistet ja eine Art von 'Aufarbeitung' (man entschuldige das miserable stilistische Mittel des Anführungszeichens), die Du bereits in anderen Korrespondenzen besprochen hast: Sachzwänge erforderten die beschriebene Kolonialpolitik; sie war nicht in erster Linie schlecht, sondern rational -- was hätte man denn anderes tun sollen? (Das Erzeugen eines Anscheins von Rationalität mag zur Rechtfertigung offenbar ausreichen.) Muss ich, wenn ich die Namibia-Korrespondenz lese, eine NS/Medien-Korrespondenz mitlesen?

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Das Erzeugen eines Anscheins von Rationalität mag zur Rechtfertigung offenbar ausreichen: Die Feststellung, es gebe Sachzwänge, die Entscheidungen diktieren, scheint eine beruhigende Wirkung zu haben -- was getan wird, ist im Rahmen des Möglichen vernünftig und also richtig, man muss ich keine Sorgen machen. Wenn dies die Pointe der genannten Thesen des Ausstellungsbesuchers ist, dann dürfte die widersprechende Argumente keine überzeugende Wirkung haben, ihnen fehlt schließlich die psychohygienische Kraft. (Das Wort 'Psychohygiene' meine ich mir gerade ausgedacht zu haben. Gibt es das schon?)

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Lesen wir die NS-Medien-Korrespondenz doch mit: Ich erinnere mich, dass die These vertreten wurde, Neonazis wüssten wenig vom Nationalsozialismus. Wüssten sie mehr, wären sie keine Neonazis, man müsse sie also zur moralischen Verbesserung historisch aufklären. Diese These ist unplausibel. Ein moralisches Defizit kann gerade nicht auf eine Wissenslücke zurückgeführt werden; auch ohne über die Shoah aufgeklärt zu sein, hat man darauf zu verzichten, voll Stolz auf sein Vaterland andere Leute anzugreifen, zu verprügeln etc. Eine ethische Bildungslücke kann nicht auf eine Wissenslücke, d.h. einen Mangeln an Faktenwissen reduziert werden.

(Nur am Rande: Die Shoah war auch schon verboten, als man noch nichts über sie wissen konnte, weil sie noch nicht stattgefunden hatte. Die Entschuldigung von Neonazis als bloß ungebildet impliziert eine Entschuldigung von Nazis, die es ja nicht besser wissen konnten.)

Thomas verzichtet in seiner Korrespondenz darauf, den Ausstellungsbesucher zu widerlegen. Genau, denke ich, verfehlte ja die Pointe. Außerdem hat er ja schon vor dem letzten Abschnitt klar gemacht, dass die Thesen des Ausstellungsbesuchers falsch sind. Andererseits nervt die pragmatische Attitüde des Besuchers, und ich jedenfalls wünschte mir, dass es wenigstens schwieriger wäre, einen Anschein vor Pragmatismus zu erzeugen.

(Hättest Du den Typen nicht einfach vor dem Museum angreifen und verprügeln können (etc)?)

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Entschuldige, dass ich jetzt erst antworte. Ich habe natürlich kein Wortprotokoll aufgenommen und in der Darstellung stilisiert, die Anmerkungen des Besuchers sind jedoch sinngemäß so gefallen. Was gut ist, denn sonst hätte ich die "Außenwelt" der Ausstellung ausgeblendet. So muss ich Dir aber Recht geben: Informationsvermittlung allein ist nicht genug um "aufzuklären". Insofern ist auch der Bezug auf NS-Medien-Korrespondenzen beabsichtigt.
Dort stellt sich ja immer wieder das Problem: wer nicht vorher schon entsprechende Dispositionen hat, wird auch durch einen Text oder eine Ausstellung über die NS-Zeit nicht zum "besseren Menschen" gemacht.
Was folgt daraus? Es gibt, soweit ich das beurteilen kann, in der historischen Bildungsarbeit/Gedenkstättenarbeit zwei Positionen: die eine weist darauf hin, dass mehr als Informationsvermittlung eben nicht möglich ist, mit historischen Ausstellungen zum NS-Regime keine Werterziehung geleistet werden kann und soll; dabei bestünde nämlich auch die Gefahr der Instrumentalisierung, Entwertung etc. Andere versuchen schon, die Wissensvermittlung mit anderen Aspekten zu verkoppeln und so den Besucher deutlicher anzusprechen: über Vertiefung von Information, Angebote für Aneignung und Identifizierung, Emotionalisierung etc. Ob das geht und wünschenswert ist, ist unsicher und will ich hier jetzt nicht diskutieren.
Interessant wären noch andere Daten zur Rezeption der Namibia-Ausstellung. Das Besucherbuch ist natürlich voll von lobenden Kommentaren einsichtiger (und bereits aufgeklärter) Menschen; an Typen wie den geschilderten Besucher kommt so aber nicht ran. Vielleicht sollte man noch öfters in die Ausstellung gehen: zur teilnehmenden Beobachtung. Der geschilderte Besucher ist sicher ein Extrembeispiel. Vielleicht zeigt er aber auch etwas Allgemeines: die Rationalisierung der deutschen Kolonialpolitik und Verdrängung von Ausbeutung und Völkermord wird auch durch das aktuelle, meist äußerst negative Afrikabild gefördert. "Dass es nicht anders ging", würde man ja heute sehen, wäre dann die These.

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Kant hat ja im fortgeschrittenen Alter gegenüber vom Kaliningrader Stadtgefängnis gewohnt, wo man versuchte, die dort Einsitzenden nicht durch Information, sondern durch das laute Singen religiöser Lieder moralisch fortzubilden. Die Wirkung auf die Gefangenen ist mir nicht überliefert. Kant jedenfalls fühlt sich belästigt, beschwerte sich mehrfach und wies aufgrund seiner Erfahrung analytisch und a priori der Musik den untersten Platz in der Hierarchie der Künste zu: Musik sei inbesondere zudringlich. (Wie vielleicht moralische Belehrung im Allgemeinen.)

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Nachgereicht:
1.Hinweis auf eine Plattform, auf der der Völkermord an den Herero und Nama, als Teil einer vergleichenden Genozidforschung behandelt wird: hier.
2. Sowie auf folgende, im Zusammenhang mit der besprochenen Ausstellung stehende Konferenz, die auch als Gründungsveranstaltung für ein Netzwerk europäischer Genozidforscher bilden soll:

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Genocides: Forms, Causes and Consequences.
The Herero-War (1904-08) in historical perspective
Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 13-15.1.2005

In cooperation with the Institute für Voelkerkunde, University of Cologne (Michael Bollig), the Rautenstrauch-Joest Museum für Voelkerkunde, Cologne (Klaus Schneider) and the Department of History, University of Duisburg/Essen (Christoph Marx)

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The 20th century can be seen as a century of genocide. Never before in the history of humankind were so many people killed or their culture destroyed on the grounds of their descent and ethnic affiliation. Unfortunately it is likely that genocide will be serious policy option for some political leaders in the future. Understanding the causes of
genocide is therefore not only of academic interest, but will also enable action to be undertaken, which, while may not preventing genocide from taking place, will allow for timely and humane responses to this most fundamental of crimes against humanity.

In 1904, the first genocide of the 20th century took place in German South West Africa (Namibia). In order to commemorate this event and to put this historical milestone into perspective, a conference will be
held at the Haus der Kulturen der Welt in Berlin between 13th and 15th January 2005. Starting from the genocide committed in Namibia 100 years
ago the conference aims to come to an informed understanding regarding the origins of genocide. Issues to be dealt with in the conference relate to, amongst others, definitions and problems of comparison, the
roots of genocide, genocide and the state, singularities and continuities, genocide and law and genocide, memory and identity.

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Thursday, 13.1.2005
Opening remarks:
Genocide as paradigm: The biopolitical crime and modernity: Juergen Zimmerer (Coimbra)
Panel 1: Problems of Comparison
Henry Huttenbach (New York): Understanding Genocide: Beyond comparative case studies
A. Dirk Moses (Sydney): Historiography of Comparison
Discussant: Hartmut Kaelble (Berlin)
Friday, 14.1.2005
Panel 2: The Namibian War in the History of Genocide?
Jan-Bart Gewald (Leiden): Colonialism and Genocide
Eric D. Weitz (Minneapolis): Genocide and Holocaust: Singularities and Continuities
Panel 3: Roots of Genocide
Frank Chalk (Montreal): History of Genocide
Dan Stone (London): Racial Homogenity as a Concept
Saturday, 15.1.2005
Panel 4: Why do people become killers
Norbert Finzsch (Köln): Creating Victims: The Establishment of Racial Thinking
Mark Levene (Southampton): Creating Killers
Panel 5: Genocide and the State
Michael Geyer (Chicago): War and Genocide: The European theater in World War II
Donald Bloxham (Edinburgh): Bureaucracy and Genocide
Panel 6: Genocide, Memory and Identity
Henning Melber (Uppsala): The Use and Abuse of the Memory and History of Genocide
Micha Brumlik (Frankfurt): Genocides and the Politics of Identity

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Contact:
Dr. Juergen Zimmerer
CEIS 20
Universidade de Coimbra
Rua Alves Torgo 25, 1°esq.
P-5000-679 Vila Real
Tel.:++351-259325809
namibian-war@freenet.de
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Prof. Dr. Andreas Eckert
Historisches Seminar
Universität Hamburg
Von-Melle-Park 6
D-20146 Hamburg
Tel: +49-40-428382591
andreas.eckert@uni-hamburg.de

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last updated: 2004-03-06 22:38
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Nach langer Zeit Ein neuer Text von hap: Es handelt sich um Die Geschichte.
by tlr (2005-07-31 23:03)
apropos: nach den "öden orten" kommen nun die "schlimmen städte", zumindest wenn man dem...
by mdi (2005-06-03 00:20)
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due to new regulations - we are no longer in a position to offer...
by hcs (2005-03-12 19:12)
Nach Strange Days war ich ziemlicher Juliette Lewis Fan. Länger nichts interessantes von ihr...
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